Quo Vadis Deutsche Telekom?

Ein derzeit viel diskutiertes Thema im Netz ist die geplante Wieder-Einführung der Volumenpakete bei der Telekom. Dies alleine wäre für mich allerdings kein Grund hier darüber zu schreiben, vielmehr Sorgen macht mir die daraus resultierende Verletzung der Netzneutralität. Genau hier möchte ich euch ein bisschen für dieses Thema sensibilisieren, denn das was die Telekom plant ist mehr als nur eine Erhöhung Ihrer Gewinnmargen.

Netzneutralität?

Um den Begriff einzuführen, muss ich ein bisschen ausholen.
Das Internet besteht im Grunde aus einer Ansammlung privater Netzwerke die miteinander verknüpft sind. So betreiben sowohl Internetprovider (z.B. Telekom, Vodafone) eigene Netze, wie auch Universitäten oder Inhalteanbieter (Google, Facebook). Überträgt man nun Daten von einem Netz in ein anderes (Aufruf von Facebook aus dem Netz der Telekom) müssen diese Daten durch die unterschiedlichen Netze transportiert werden.
Diesen Vorgang nennt man „Peering“. Es gehört zu den Grundlagen des Internet, dass ein Austausch zwischen „benachbarten“ Netzwerken kostenneutral erfolgt. Bezahlen muss ein Netzbetreiber nur, wenn er Daten in ein Netz schicken möchte mit dem er normalerweise nicht “peert”.
Soll heißen, wenn ihr Daten von Deutschland nach Timbuktu schicken möchtet, euer Provider aber keine eigenen Leitungen nach Timbuktu betreibt, muss er diese bei einem anderen Provider anmieten. Das ganze nennt man dann “Transit”.
Dadurch dass das Peering mit benachbarten Netzen kostenlos ist, sind die Provider natürlich bestrebt möglichst viele “peers” betreiben zu können, dies geschieht u.a. am De-Cix, Deutschlands größtem Netzknoten mit Sitz in Frankfurt a.M..
Hier laufen die Kabel vieler Provider zusammen, somit ist gewährleistet, dass viele der betriebenen Netze tatsächlich “nebeneinander liegen”. Natürlich ist jeder Netzbetreiber bestrebt viele Optionen zu haben seine Daten möglichst kostenneutral zu übertragen. Ich erinnere nochmals: dies ist eine der Grundlagen des bestehenden Internets.

Einzige Ausnahme: die Deutsche Telekom. Sie betreibt ihre Austauschpunkte lieber an verschiedenen Orten Deutschlands. Um dort hin Leitungen zu legen, damit man mit der Telekom Daten tauschen kann, müssen die anderen Netzbetreiber dann bezahlen. Dies natürlich mit speziellen Verträgen. Bereits hier wird die Netzneutralität seit vielen Jahren durch die Telekom verletzt. Erlauben kann sie sich das nur, weil sie eine marktbeherrschende Stellung hat, und es sich kaum ein Netz in Deutschland leisten kann, dass Telekom-Kunden ihre Dienste nur langsam erreichen.

Zusätzlich hat die Telekom mit Ihren neuen Tarifverträgen angekündigt, den Datenverkehr für die Inhalteanbieter zu drosseln, mit denen sie keine Kooperation hat. So wird z.B. T-Entertain nicht gedrosselt, andere Online-Videoanbieter wie Lovefilm, Sky, Watchever oder Amazon jedoch schon. Möchte ein Inhalteanbieter nicht gedrosselt werden, kann er natürlich mit der Telekom reden, eine Summe X zahlen und schon ist alles wie es war. Wie es eigentlich ohne Drosselung sein sollte!
Natürlich ist dieser Umstand nicht direkt ersichtlich, aber fragt euch das erneut, wenn euer Datenvolumen von 75GB aufgebraucht ist und YouTube nur noch im Schneckentempo durch die Leitung kriecht.

Was hat das jetzt mit der Netzneutralität zu tun?
Nun ja, stellt euch vor Ihr, als Telekom Kunden, wollt bei Vimeo Videos anschauen. Da euer monatliches Datenvolumen allerdings schon aufgebraucht ist, ist dies so gut wie nicht mehr möglich (mehr dazu im Exkurs). Jetzt kommt die Telekom und bietet euch Dienste an auf denen man Videos anschauen kann, ohne Wartezeiten und mit voller Geschwindigkeit…Wer würde da nicht genau diese Dienste favorisieren wollen? Genau, keiner. Und was ist mit den Diensten die nicht in der Lage sind an die Telekom zu zahlen? Ohne nennenswerte Zugriffszahlen würden diese schnell in der Versenkung verschwinden, die vermeintlichen Kunden surfen ja lieber bei T-Entertain und Co. Wo bleibt da der faire Wettbewerb?
Im Normalfall sollten alle Daten die durch das Internet fliessen gleichberechtigt sein und bestmöglich übertragen werden. Das nennt man im Fachjargon Best-Effort.
Ohne die Neutralität der Netze würden kleine Inhalteanbieter über kurz oder lang vom Markt verschwinden, da Sie schlichtweg nicht die Kapazitäten hätten, sich gegen die “Großen” durchzusetzen.

Exkurs Drosselung

Gehen wir einmal davon aus, Ihr habt einen “dorfüblichen” DSL Anschluss mit 16Mbit/s Downstream und 640KBit/s Upstream, dann wäre es, gemäß der neuen Tarifstruktur der Telekom, möglich 75 GB Datenvolumen über diesen Anschluss zu leiten. Wohlgemerkt es zählt hier nicht nur das Volumen der heruntergeladenen Daten, sondern auch das der hochgeladenen! Danach würde euer Anschluss auf 384 Kbit/s gedrosselt. Um euch zu verdeutlichen wie “schnell” Ihr dann noch surft, gibt es hier ein kleines Beispiel-Video in dem die Startseite der Telekom von einem gedrosseltem Anschluss aus aufgerufen wird.

Clemens Schrippe hat im Podcast mobilemacs diesen Zustand treffend beschrieben: “der Anschluss ist nicht gedrosselt, sondern er ist funktional kaputt!” Mit seinem Rant hat er es sogar bis in die iTunes Charts geschafft. Der Erlös vom Song geht übrigens an die Digitale Gesellschaft und fliesst somit gleich einer guten Sache zu, die u.a. auch für den Erhalt der Netzneutralität kämpft. Wie viele Daten sind denn eigentlich 75GB? Eine genaue Antwort ist schwer, da jeder seinen Anschluss anders nutzt. Hier ein paar Beispiele: Ein handelsüblicher HD-Film der über das Internet gestreamt wird, hat im Schnitt 1,5 – 2GB. Durchschnittliche YouTube Videos haben in HD-Qualität min. 600MB.
Bevor ich mich hier jedoch weiter verrechne, schaut euch einfach die Seite Drossl an, hier könnt Ihr euch genau anschauen wie schnell euer Anschluss mit den neuen Tarifen gedrosselt werden würde.

Was können wir tun?

Andere Aufklären und auf das eigentliche Problem aufmerksam machen.
Das große Problem ist hier, dass den meisten Menschen in Deutschland die Problematik Netzneutralität oder Drosselung nicht bewusst ist. Man hat einen Internetanschluss, der funktioniert und alles ist gut. Ist es aber nicht!
Ich hoffe dieser Artikel gibt euch ein paar Argumente an die Hand um das Problem auch Nicht-Nerds verständlich zu machen. Es gibt auch eine Online Petition die Ihr unterzeichnen könnt: Deutsche Telekom AG: Drosselung der Surfgeschwindigkeit stoppen.
Der nächste Schritt ist für mich, den Anbieter zu wechseln, und das obwohl ich jahrelanger Kunde der Telekom war und nie große Probleme mit diesem Unternehmen hatte. Aber eine solche “Politik” möchte ich nicht unterstützen. Freilich bleibt abzuwarten wie viele andere Anbieter nachziehen werden und ebenfalls drosseln oder andere Dinge anstellen werden. Allerdings hoffe ich auf die Varianz des Marktes, so dass es irgendwo einen Anbieter geben wird der ein freies und ungedrosseltes Netz anbietet.

Fazit

Die geplanten Änderungen der Telekom sollen zwar erst 2016 greifen, wenn wir allerdings jetzt nicht anfangen etwas gegen diesen Weg zu tun, werden wir wohl schnell vor vollendete Tatsachen gestellt. Es ist wirklich wichtig zu verstehen was passiert, wenn das Netz wie wir es jetzt kennen von Großkonzernen bestimmt wird.
Mir ist bewusst, dass die Telekom ein wirtschaftliches Unternehmen ist und Geld verdienen möchte, das dürfen sie auch, schließlich haben Sie eine große Aufgabe und die kostet Geld. Aber warum bieten Sie nicht einfach entsprechende Tarife an, die auch gerne entsprechend teurer sein dürfen, und hören auf den Leuten ins Gesicht zu lügen!

Links 

Chaosradio zum Thema: Das Ende der Flatrates
Mehr zum Thema Netzneutralität gibt es bei der DigiGes
Artikel auf Newsecho.de: Telekom Tempo Bremse
Artikel in der Winfuture.de: DSL-Drossel ab 2018 auch für Bestandskunden 
Artikel auf golem.de: Wenn YouTube zahlt, wird es nicht gedrosselt.
Noch eine witzige Erkenntnis zur Aussage der Telekom das 3% ihrer Nutzer Power User sind: Timo Hetzel